Ulrike OTTINGER > Biografie

Ulrike Ottinger wuchs in Konstanz am Bodensee auf, wo sie schon früh ihr eigenes Atelier eröffnete. Von 1962 bis 1968 lebte sie als freie Künstlerin in Paris und stellte dort unter anderem im Salon de la Jeune Peinture aus. Sie wurde im Atelier von Johnny Friedlaender in Radiertechniken ausgebildet und besuchte Vorlesungen an der Sorbonne über Kunstgeschichte, Religionswissenschaften und Ethnologie bei Claude Lévi-Strauss, Louis Althusser und Pierre Bourdieu. 1966 entstand ihr erstes Drehbuch mit dem Titel „Die mongolische Doppelschublade“.

 

Nach ihrer Rückkehr in die Bundesrepublik gründete sie 1969 in Konstanz den „filmclub visuell“  sowie die Galerie und Edition „galeriepress“, in der sie unter anderem Wolf Vostell und David Hockney präsentierte. Mit Tabea Blumenschein realisierte sie 1972-1973 ihren ersten Film LAOKOON UND SÖHNE, der im Arsenal Berlin uraufgeführt wurde. 1973 zog sie nach Berlin und drehte die Happening-Dokumentation BERLINFIEBER – WOLF VOSTELL. Nach DIE BETÖRUNG DER BLAUEN MATROSEN (1975)  mit Valeska Gert folgte der vom ZDF koproduzierte Piratinnenfilm MADAME X – EINE ABSOLUTE HERRSCHERIN (1977), der großes Aufsehen und kontroverse Reaktionen auslöste.

 
Ab 1979 entstand ihre „Berlin-Trilogie“ BILDNIS EINER TRINKERIN (1979), FREAK ORLANDO (1981) und DORIAN GRAY IM SPIEGEL DER BOULEVARDPRESSE (1984), an der Delphine Seyrig, Magdalena Montezuma, Veruschka von Lehndorff, Eddie Constantine und Kurt Raab sowie der Komponist Peer Raben mitwirkten. Die in Industriebrachen und verfremdeten Stadtlandschaften entstandenen Bilder griff sie in dem Kurzfilm USINIMAGE (1987) nochmals auf.

 
CHINA. DIE KÜNSTE – DER ALLTAG (1985) ist der erste in einer Reihe von langen Dokumentarfilmen, die auf ihren zahlreichen Reisen in asiatische Länder entstanden. In der Mongolei drehte sie 1989 den Spielfilm JOHANNA D'ARC OF MONGOLIA und drei Jahre später den achtstündigen Dokumentarfilm TAIGA. Neben ihren Fernreisen verfolgte sie in dem Dokumentarfilm COUNTDOWN mit gleichsam „ethnografischer“ Aufmerksamkeit die Veränderungen in ihrer eigenen Stadt zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung. Nach dem Dokumentarfilm EXIL SHANGHAI (1997) führten weitere Reisen sie nach Südosteuropa, wo wiederum ein Dokumentarfilm und ein Spielfilm entstanden: SÜDOSTPASSAGE (2002) und ZWÖLF STÜHLE (2004).  

 

Nach dem Dokumentarfilm PRATER (2007), der von Geschichten und Geschichte rund um den traditionsreichen Wiener Vergnügungspark erzählt, begibt sich Ulrike Ottinger für ihre nächsten beiden Dokumentarfilme erneut nach Asien. DIE KOREANISCHE HOCHZEITSTRUHE (2008) gewährt erstaunliche Einblicke in die nach alten Traditionen sorgfältig gepackte Hochzeittruhe und zeigt die südkoreanische Gesellschaft im Spagat zwischen Tradition und Moderne. UNTER SCHNEE (2011) bedient sich auf zauberhafte Weise der Elemente Kabuki, Poesie und Dokumentation, um das Leben im japanischen Echigo zu beschreiben, das vor allem vom Schnee geprägt ist. Oft bis in den Mai hinein verschwinden Landschaft und Dörfer unter meterhohen Schneewänden. Für CHAMISSOS SCHATTEN (2016) reist Ulrike Ottinger monatelang auf den Spuren Adelbert von Chamissos durch die weit entfernten Regionen des Beringmeers. Entstanden ist ihr bislang längster Dokumentarfilm (12 h), der traumhafte Landschaftsbilder mit ethnologischen Erkenntnissen und persönlichen Erfahrungen verwebt. CHAMISSOS SCHATTEN feierte wie viele ihrer früheren Filme seine Premiere auf der Berlinale.

 

Ulrike Ottingers Filme wurden auf den wichtigsten internationalen Festivals gezeigt und vielfach in Retrospektiven rund um den Globus gewürdigt, u.a. in der Cinémathèque Frrançaise und dem Centre Pompidou (Paris),  dem Museo Reina Sofia (Madrid), dem Museum of Modern Art (New York), dem Center for Contemporary Art (Tel Aviv) und auf verschiedenen internationalen Filmfestivals, u.a. in Toronto, Amsterdam, Moskau, London, Montréal, Jerusalem und Rio de Janeiro.

 

Sie erhielten zahlreiche Preise, unter anderem den Preis der Publikumsjury Montréal und den Bundesfilmpreis (Visuelle Gestaltung) für JOHANNA D’ARC OF MONGOLIA (1989). Mehrfach wurde sie mit dem Preis der deutschen Filmkritik ausgezeichnet, so für die Dokumentarfilme CHINA. DIE KÜNSTE – DER ALLTAG (1986), PRATER (2008) und CHAMISSOS SCHATTEN (2016).

 

Von Beginn ihrer künstlerischen Laufbahn an widmete sich Ulrike Ottinger ebenfalls der Fotografie und setzt mit ihren Bildern, die meist parallel zu den Filmarbeiten entstehen, eigene visuelle Akzente. Mit ihren fotografischen Arbeiten war sie an großen Kunstausstellungen wie der Biennale di Venezia, der Documenta und der Berlin Biennale beteiligt.

 

Einzelausstellungen ihrer fotografischen und filmischen Werke fanden u.a. im Witte de With Center for Contemporary Art Rotterdam, dem Museo Nacional Reina Sofia in Madrid, den Kunstwerken Berlin, der Galerie David Zwirner in New York, dem Haus der Kulturen der Welt Berlin und der Sammlung Goetz München statt. Ulrike Ottinger war erstmalig 1997 Gast der legendären documenta 10, wo sie an der Reihe „100 Tage – 100 Gäste“ teilnahm. Desweiteren wurde sie zur documenta 11 (2002) nach Kassel und zur documenta 14 (2017) nach Athen eingeladen. 2017 widmete das NTU Center for Contemporary Art Singapore der Künstlerin eine umfassende Einzelausstellung ihrer in Asien entstandenen Fotografien und Filme mit angeschlossenen Künstlergesprächen, Workshops, Vorträgen, Performances.

 

Daneben arbeitete Ulrike Ottinger auch als Regisseurin für Theater und Oper und inszenierte unter anderem 2000 am Berliner Ensemble die Uraufführung von „Das Lebewohl“ von Elfriede Jelinek.

 

2005 erschien ihr Künstlerbuch „Bildarchive“, das ausgewählte Fotografien von 1975 bis 2005 versammelt. 2011 erschien im Zusammenhang der großen Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt der Band „Floating Food“, eine Collage aus Fotografien und Texten fiktiver und realer Welten. Im gleichen Jahr widmete die n.b.k. dem frühen künstlerischen Werk die Ausstellung „Ulrike Ottinger. Paris Pop“, zu der ein ausführlicher Katalog erschien. Der Katalog „Weltbilder“ der Kestnergesellschaft Hannover dokumentiert umfassend die Ausstellungen der Künstlerin  von den 1960er Jahren bis 2013. Im Kontext von CHAMISSOS SCHATTEN entstanden die aufwendig gestalteten Publikationen „Weltreise“, mit der eine Ausstellung in der Staatsbiblithek Berlin einherging, und das Künstlerbuch „Chamissos Schatten“.

 

2011 erhielt Ulrike Ottinger den Hannah-Höch-Preis der Stadt Berlin für ein hervorragendes künstlerisches Lebenswerk.