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Brussels Biennial

Diamond Dance

Weltweite Verbindungen gab es lange bevor das Wort Globalisierung in aller Munde war. Zwar haben die Reisen etwa zu König Salomos Zeiten Jahre oder Jahrzehnte gedauert, aber die Begegnungen verschiedener Kulturen fanden statt und damit der Austausch und Transfer von Waren, Wissen, Techniken, religiösen, philosophischen oder künstlerischen Vorstellungen. 

 

Diamanten aus Indien zierten bereits König Salomons Thron und wanderten von dort durch die Jahrhunderte, wurden geraubt, geschenkt, verkauft, erbeutet und fanden sich wieder auf den kostbarsten Kunstwerken. Sie schmückten Pokale und Sarazenenschwerte, Thoraschreine und Evangeliare, verzierten Altäre und Rahmen von Ikonen und Gewänder, gehörten Kaisern, Satrapen, Piraten oder Kaufleuten, schönen Frauen, Räubern und Diktatoren.

 

Die Wanderungen der Diamanten durch die Epochen mit all ihren Wechselfällen Krieg, Gefahr, Triumph, Versteck und Vernichtung sind parallel zu den wandernden Menschen die Protagonisten meines Drehbuches, zu dem ich seit Anfang der achtziger Jahre in den Diamantenzentren der Welt, in New York, Hong Kong, Bombay oder Antwerpen recherchiere, sammle und photographiere. In diesen Städten besuchte ich die Diamantenviertel mit ihren Diamantenbörsen, Geschäften und Diamantenclubs.

 

Was 47th street, früher Canal Street, für New York, ist Pelicanstraat für Antwerpen. Ein Blick auf die Architekturen dieser Orte ist aufschlussreich. In 47th street findet sich neben Art Deco-Bauten, die die Diamanten in den Decors auf Fassaden, Innenräumen oder Fahrstühlen aufnehmen, auch ein Haus, das von der Herengracht hierher versetzt zu sein scheint oder an Canal Street eine Architektur des Prager Kubismus oder in Bombay ein portugiesisches Kachelhaus "Casa des Azulechos". Sie erzählen uns von der Herkunft ihrer Erbauer und deren Wunsch im Neuen das Alte wiedererstehen zu lassen und von der spannenden Geschichte der seit langem weltweit verbundenen Menschen, ihren Wanderungen und ihrer Kulturen, die sie wie schwere Koffer mit sich tragen.

 

Was nehmen wir mit von unserer alten Kultur, wenn wir in ein neues Land müssen? Was wird wichtiger, was vergessen, was von der neuen Kultur aufgenommen, was vermischt oder bestärkt sich, was ist im Alten neu oder im Neuen alt?

Ulrike Ottinger