Ulrike OTTINGER > Ausstellungen > 1981 - DAAD Galerie, Berlin

Freak Orlando. Eine künstlerische Gesamtkonzeption

Auszug aus dem Katalog zur Ausstellung

Die Stationen des Orlando von den Anfängen der abendländischen Unvernunft in der Antike über das Mittelalter, das 18. Jahrhundert, die Jahrhundertwende und die Gegenwart sind als 'Histoire du monde' zu werten. Jenes 'teatrum mundi', das früher nach dem Spielplan Gottes agierte, wird jedoch als 'circus mundi' entlarvt, unter dessen einstmals theologischem Baldachin sich abstruse Wunsch- und Angstträume, wilde Geißlergemeinschaften, willfährige Justiz der Kirchen und Könige gleichermaßen sammelten. Daher bedeuten die Metamorphosen Orlandos nicht nur abenteuerlichen Aufbruch, sondern sie sind zumeist von Mord, Gefangennahme, Verfolgung, lnquisition ausgelöst. Es wird bewußt, daß Orlando in seinen Streifzügen durch den Wahnsinn der Geschichte zugleich Gefangener seines eigenen Aufbruchs ist. Die fünfte Episode beschließt Orlando als weibliche Entertainerin auf einem 'Festival der Häßlichen', das tatsächlich, wie die Reporterin (Franca Magnani) zu berichten weiß, jährlich in Italien abgehalten wird. Auf diesem werden die zeitgenössischen Schönheitsideale ebenso nahtlos integriert wie die Politiker als Juroren. Der Wettbewerb der Außenseiter wird zu einem Tanz des Wahnsinns, der vergegenwärtigt, daß der Mensch um seiner Eitelkeit willen fähig ist, Häßlichkeit als Schönheit, Lüge als Wahrheit, Gewalt als Recht, Verkrüppelung als 'natürliche' Norm zu akzeptieren. Die Doppelbödigkeit dieser 'Kriterien' wird umso deutlicher, da der perfekt dressierte und angepasste Normalbürger als Sieger aus diesem Festival hervorgeht. Die Norm wird gekrönt. Der Narrentanz endet in idyllischer Hollywood-Happy-End-Musik, der Romanze zwischen dem Bunny und dem Gewinner des Wanderpokals. Der Spott des Wahnsinns unterhöhlt diese Szene, die ironische Verfremdung entlarvt diese Norm als realitätsnahe apokalyptische Erscheinung [...].

Wie sollte diese Reise Orlandos je beendet sein, da doch der Wahnsinn noch unter uns ist und die Apokalypse als Entertainment noch nicht an Attraktivität verloren hat!

Hanne Bergius