Ulrike OTTINGER > Filme > Chamissos Schatten > aus dem Drehbuch zu Chamissos Schatten

DIRECTOR´S STATEMENT

 

Was war – Was ist.

 

Zwischen diesen zeitlichen Polen bewegten sich die Fragestellungen meiner Reise. Sie führten uns auch räumlich in ferne Gegenden, wohin der Wind, die Wellen, die Freundschaften mit Menschen uns leiteten. Die großen unbekannten Länder haben uns Vieles offenbart, aber Einiges blieb wie hinter einer dichten Nebelwand verborgen – tatsächlich ist die Beringsee mit ihren angrenzenden Küsten für ihre ausdauernden Nebel berühmt. Aus dem Gesammelten, Erfahrenen, Gesehenen und Gesprochenen habe ich versucht, wie bei dem dort verwendeten Feuermacher Funken zu schlagen, um diese ungewöhnliche und unbekannte Welt zu erhellen, sie filmisch festzuhalten. Wie alle Weltreisenden, so habe auch ich bei meinen Reisen zu Wasser und zu Lande ein Tagebuch geführt. Der Dramaturgie eines Logbuchs folgt auch der Film. Sie treten in einen vielschichtigen Dialog mit den literarisch formulierten, gleichwohl naturwissenschaftlich präzisen Erzählungen Adelbert von Chamissos und der an Dramatik nicht zu überbietenden Schilderung der Beringschen Expedition durch den ihn begleitenden Arzt und Naturforscher Georg Wilhelm Steller. Aus dem Logbuch der Imagination, das mich auf meiner Reise begleitete, und dem Logbuch der Wirklichkeit, auf die ich traf, wird so eine Neuschöpfung: eine räumliche, eine poetische, eine filmische Realität. Die Schriften meiner „Vorfahrer“ lesen sich für mich daher wie Schauspiele einer Vergangenheit, die in der Gegenwart immer wieder aufgeführt werden, aber auch ins Repertoire des Vergessens versunken oder der unwiederbringlichen Zerstörung anheimgefallen sind.

 

Auszug aus dem Logbuch von Ulrike Ottinger:

Logbuch Mittwoch, 9. Juli 2014 MS Tustumena:

 „An der Vielfalt der Passagiere und ihrer Sprachen werden die verschiedenen Einwanderungswellen ablesbar. Neben den Skandinaviern, die schon früher kamen, sind es heute vor allem Philippinen, Samoaner, Äthiopier, Dinka und Nuer aus dem Sudan und seltener Mexikaner. Interessanterweise stammen alle aus Küstenregionen, die an den alten Handelswegen liegen.“