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Ulrike Ottinger und das Haus der Kulturen der Welt

Es gibt kaum eine deutsche Künstlerin, die sowohl nach den Inhalten wie der Arbeitsweise und Haltung für den Geist des Hauses der Kulturen der Welt steht wie Ulrike Ottinger.

 

Ulrike Ottinger gibt in ihren Arbeiten, sei es Fotografie oder Film, nie vor, die Welt so darzustellen wie sie ist, sondern wie sie sie sieht. Das gilt für ihre dokumentarischen Arbeiten, in denen sie Realitätsausschnitte vorstellt, wie für ihre fiktionalen Arbeiten, wo sie Welten herstellt.

 

Ihre Arbeiten sind Inszenierung der poetischen Erfahrung. Diese setzt an am Objekt. Ottinger ist fasziniert von Gegenständen, sammelt sie, bewahrt sie auf, kehrt immer wieder zu ihnen zurück, lässt sich von ihnen verzaubern. Dieses sich – auf – die  - Gegenstände – einlassen, ihrer Strahlkraft zu trauen, findet sich an vielen Stellen in ihrem Werk: Wenn sie auf klassische Schnitttechniken und Kameraeinstellungen verzichtet und eine rituelle Schlachtszene in einer dreißigminütigen Einstellung dreht oder aber wenn sich ihre Kamera in die Kulturtechnik einer formvollendeten Fertigstellung von Nudeln zu verlieren scheint.

 

Sich der Magie der Gegenstände auszusetzen, heißt dann auch zu akzeptieren, dass sie und ihre Verbindungen zueinander nicht völlig verstanden werden, dass da immer ein Rest, ein Gegenüber bleibt, das man nicht vollständig aufhellen kann.

 

Es ist diese Fähigkeit, sich für die Gegenstände zu öffnen, bei ihnen zu verweilen, die Ottinger auch davor bewahrt, artifizielle Grenzen zwischen Hoch- und Populärkunst zu ziehen. Sie anerkennt Kulturtechniken aller Art in ihrer je eigenen Wertigkeit. Es handelt sich dabei um eine Fähigkeit, die in Zeiten der Globalisierung, in Zeiten eines neuen Zusammenspiels zwischen Kulturen, zunehmend an Bedeutung gewinnt, da die trennscharfen Kategorisierungen westlicher Moderne an Bedeutung verlieren, ihre Rolle als Orientierungen nicht mehr behaupten können.

 

Ottinger hat einmal gesagt, wenn Sie nicht Filmemacherin geworden wäre, hätte sie sich für die Ethnologie entschieden. Sie wäre eine gute Ethnologin geworden. Sie erstrebt nie den objektivierenden Blick von außen, der so tut als beschreibe er eine vorhandene Welt. Es ist  ein respektvolles Annähern an das Gegenüber, das aufgrund des Wissens um die eigene Subjektivität letztlich auch immer Distanz wahrt und artikuliert, und nicht so tut als ob es sich das Andere völlig aneignen könne.

 

 

Ulrike Ottinger ist eine Weberin, sie bewegt sich zwischen-den-Dingen, bringt sie in neue Beziehung miteinander. Könnte es ein schöneres Bild für die Arbeit des Hauses der Kulturen der Welt geben.

 

Es war ein großes Geschenk mit ihr zusammen zu arbeiten, einer Künstlerin, die so offen ist für die Welt und ihre Geschichten.

 

Bernd M. Scherer

Intendant Haus der Kulturen der Welt

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