Interview: „Das Alte im Neuen finden - und umgekehrt“

 

Eine koreanische Hochzeitstruhe ist ein sehr geheimnisvolles Objekt. Wie aber genau kam diese Truhe zu der Titel-Ehre in Ihrem neuen Film?


Wenn sich eine Hochzeitstruhe öffnet, öffnet sich eine ganze Welt. Eine Hochzeitstruhe ist nicht nur eine Archivbox, sondern etwas sehr Lebendiges und gleichzeitig etwas ganz Traditionelles. In Korea gibt es genaue Vorstellungen darüber, was in diese - übrigens sehr massiven - Hochzeitstruhen hineingehört. Die einzelne Elemente und ihre Bedeutung werden im Film en détail beschrieben, auch die Herstellung und Herkunft der Objekte, welche Farben sie haben, wie sie gelegt und verpackt werden. All diese Rituale sind präzise festgelegt und haben sich im Laufe der Zeit unglaublich ausdifferenziert; sie greifen dabei aber auf archaische Modelle zurück. Gleichzeitig assoziieren wir bei einer Truhe oder Box natürlich auch die "Büchse der Pandora", bei deren Öffnung sich Schicksale in die eine oder andere Richtung entscheiden. Beim Titel habe ich mir viele Gedanken gemacht: So eine Truhe zu Beginn des Films zu öffnen, hat ja auch etwas davon, "einen Geist aus der Flasche zu lassen" und rekurriert damit auf eine uralte dramaturgische Form.

 

Wobei mir zu Beginn des Films überhaupt nicht klar war, worauf Sie mit diesem anfänglichen Packen der Hochzeitstruhe hinauswollten. Diese Unvorhersehbarkeit hat mir gut gefallen, die überraschenden Kurven, Stationen und Wendungen, die die Geschichte von dort aus nimmt. Was für eine narrative oder dramaturgische Wegführung hatten Sie im Sinn, als Sie diesen Film drehten?


Das war so: Zu dem Zeitpunkt, als das Angebot kam, diesen Film zu machen, war ich noch nicht in Korea gewesen. Ich hatte aber viel über das Land gelesen und mich ausführlich mit dem Schamanismus, mit der Kunst, der Musik und mit dem Theater dort beschäftigt. Dann kam ich also eines Tages in Seoul an und habe mir alles angesehen, bin umhergefahren und -gelaufen und habe vor allem geschaut. Und genau so habe ich auch gedreht - am Anfang wusste ich überhaupt nicht, wie das alles später im fertigen Film zusammenkommen würde. Ich habe mit der Kamera Dinge gesammelt, die mir auffi elen. Das klingt schrecklich willkürlich, aber ich habe ja früher schon viel und oft in anderen asiatischen Ländern gearbeitet, so dass mir doch einiges vertraut und bekannt war. Bei allen Unterschieden gibt es ja auch viele Gemeinsamkeiten zwischen den asiatischen Kulturen. Das Erste, das mir in Seoul auffi el, war, dass die Straßen dort - wie ganz früher auch bei uns - nach den berufl ichen Tätigkeiten der Anwohner geordnet waren. Und das Zweite, was mir ins Auge fiel, war die Vielzahl spezialisierter Hochzeitsgeschäfte. Das wurde zu meinem Ausgangspunkt.

 

Hochzeiten kommen auch in Ihren früheren Filmen ausgesprochen häufig vor.


Weil ich sie für extrem interessant und aufschlussreich halte, denn sie zeigen so viel über eine Gesellschaft. Bei einer Hochzeit werden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens aktiviert: die Künste, die Musik, die religiösen Vorstellungen, kulturelle und rituelle Praktiken. Hinzu kommen die Kleider, die Bewirtung, die Stationen einer Hochzeit, die Vor- und Nachbereitungen. Wenn zwei Familien sich zusammenschließen, gibt es in der Regel vielfältige politische und wirtschaftliche Interessen auf beiden Seiten. Ich würde sogar behaupten, dass man verschiedene Kulturen oder Kulturvorstellungen allein anhand von Hochzeitsfesten defi nieren könnte. Hochzeiten fordern die Menschen auf ganz besondere Weise heraus, sie provozieren alle Beteiligten, sich zu zeigen und damit etwas von sich herzuzeigen.

 

Seoul ist jedoch eine ausgesprochen moderne Stadt. Wie oder wo haben Sie denn in diesem sehr urbanen Umfeld die Traditionen und "das Alte" entdeckt?


Auf den ersten Blick ist Seoul und seine Architektur tatsächlich sehr modern. Anders als bei uns, wo man in den Städten die Spuren der Geschichte oft noch bis ins Mittelalter verfolgen kann, sind die ältesten Siedlungen in Seoul aus den 1950er Jahren. Aber es gibt auch diese wunderbaren, sehr alten Tempel und Paläste, die wie Inseln in dieser hochmodernen und sehr pragmatischen Stadt wirken und isoliert, scheinbar ohne Beziehung zu ihrer unmittelbaren Umgebung existieren. Aus dieser Diskrepanz habe ich versucht, etwas zu entwickeln - denn auf den zweiten Blick ist Seoul ganz und gar nicht modern. Das war das Aufregende und die faszinierende Herausforderung bei diesem Film: Ich wollte etwas zeigen, was auf den ersten Blick nicht sichtbar ist. Schließlich geht es beim Film immer um Sichtbarmachung. So bin ich auf die Hochzeiten gekommen, denn hier konnte ich das Alte im Neuen fi nden - und umgekehrt. Außerdem sind Hochzeiten in Seoul sehr präsent. Ich schätze, dass man in der Stadt mit ihren 14 Millionen Einwohnern auf drei Millionen Menschen kommt, die direkt oder indirekt im Hochzeitsbusiness tätig sind. Es ist gigantisch.

 

Ein zentral wichtiger Bereich, der auch in Ihrem Film großen Raum einnimmt, ist die Hochzeitsfotografie und ihre Inszenierung. Worauf kommt es da eigentlich an?


In Korea, wie übrigens auch in China und in der Mongolei, ist die Fotografi e enorm wichtig. Alte, rituelle Funktionen werden in der Fotografie auf eine neue Weise erfüllt. Bei einer Hochzeit sind die Fotos ganz besonders wichtig; jede koreanische Familie hat mindestens vier riesige Fotoalben, in denen sämtliche Stationen genau festgehalten werden. Ohne diese Fotos könnte man wohl gar nicht beweisen, dass man verheiratet ist. Es ist ein derartiges must, dass man den Eindruck bekommt, die ganze Zeremonie wird nur für diese festgehaltenen Momente veranstaltet. Dadurch bekommen die Bilder etwas fast Skulpurenhaftes. Das Fotografi eren auf koreanischen Hochzeiten grenzt an Besessenheit, es vermittelt sich der Eindruck, es geht dabei darum, etwas zu beweisen. Ich habe mich gefragt, was das ist. Da gibt es zum Beispiel diese extrem wichtigen Assistenten, die ständig an allen herumzupfen - inmitten der feierlichsten Momente der Zeremonie. Diese Assistenten agieren ähnlich wie die Assistenten im asiatischen Theater, die die Puppen führen und dabei - eigentlich - nicht gesehen werden; nur die Figuren werden gesehen. Die Assistenten werden gewissermaßen "weg-gesehen". Für uns ist es unglaublich, wie zum Beispiel der "sichtbare" Brautvater von einer "weg-gesehenen" Assistentin hochgehoben wird, damit ihm Hose und Jackett zurechtgezogen werden können. Das alles geschieht vielleicht, weil es nicht darauf ankommt, "das Ganze" festzuhalten, sondern nur, einzelne Bilder davon herzustellen. Der Moment ist wichtig, und der muss perfekt sein. Ich habe noch nicht ganz genau herausgefunden, ob sich dahinter wirklich nur der Wunsch nach Perfektion verbirgt oder ob nur so das Ritual erfüllt werden kann.

 

Der Film beginnt und endet mit einem Märchen, das Sie selbst geschrieben haben und das sich in Ihrem Film auf "Altes" und "Neues" gleichermaßen bezieht.


Als Text kontrastiert dieses Märchen die Bilder von Bahnhöfen und anderen hypermodernen Stadtansichten, während sich seine Geschichte - die übrigens viel mit sibirischen, mongolischen und nordchinesischen Märchen gemeinsam hat - an religiösen Vorstellungen und Ursprungsmythen orientiert. Diese Vorstellungen sind ganz stark bei den Menschen vorhanden, nach wie vor ist die Familie für Koreaner das Wichtigste. Natürlich gibt es viele junge Menschen in Korea, die anders und freier leben wollen, aber ich glaube, dass das in diesem Land sehr schwierig ist. Viele Neuerungen werden zwar akzeptiert, aber alle Abweichungen, sexuelle und andere, müssen innerhalb der Familie bleiben. Korea ist durchaus liberal, die Vorstellungen von Familie allerdings sind nicht liberal; gleichzeitig bilden sie das oberste Wertesystem. Die Familie ist ein sehr sensibler Bereich, innerhalb dessen größtmögliche Individualität ermöglicht wird, gerade weil das "Sich-Abschneiden", die Abwendung von der Familie immer noch als Tabu betrachtet wird. Deswegen werden in Korea Scheidungen, die es natürlich gibt, oft geheim gehalten. Das alles hat vielleicht auch mit sehr alten Erfahrungen zu tun, etwa der, dass man früher außerhalb der Familie gar nicht existieren konnte und allein quasi zum Tode verurteilt war. Auch hierzulande können wir nicht behaupten, von solchen Vorstellungen weit entfernt zu sein. Ich erinnere mich noch genau daran, welche Dramen sich noch in den 1950er Jahren abspielten, wenn etwa zwischen protestantischen und katholischen oder jüdischen und nichtjüdischen Partnern eine Ehe geschlossen werden sollte.

 

Wie ist man denn in Korea Ihrem Vorhaben begegnet? Bei den Dreharbeiten sind Sie ja sozusagen ins Innere der Familie vorgedrungen.


Mit einer unglaublichen Großzügigkeit. Eigentlich war das bei all meinen Filmen so. Das hat vielleicht damit zu tun, dass ich mich wirklich für die Menschen interessiere. Das spüren sie - und reagieren sehr großzügig darauf. Auf meinen vielen Reisen habe ich Erfahrungen gesammelt, die mir bei den Filmarbeiten gewissermaßen einen anderen Blick ermöglichen: Ich habe gelernt, mich nicht aufzudrängen, mich aber gleichzeitig immer offen und interessiert zu zeigen. Außerdem ist es sehr wichtig zu merken, wann man sich zurückziehen und die Dinge laufen lassen muss, ohne dabei gekränkt zu reagieren. Dafür entwickelt man im Lauf der Zeit ein Gefühl. Taktgefühl ohne Ängstlichkeit ist wichtig. Auf der anderen Seite braucht man bei solchen Dreharbeiten Menschen, die einen einführen und einem die Türen öffnen. In diesem Fall war Frau Kim für mich sehr hilfreich, die Frau, die in der vierten Generation einen Hochzeitsladen betreibt, in dem wir auch gedreht haben. Es war ein Glücksfall, dass eine ihrer Angestellten ausgerechnet während unserer Drehzeit geheiratet hat. Aber es gab auch noch weitere überaus glückliche Zufälle, die mir bei diesem Film sehr geholfen haben. Als ich zum Beispiel das erste Mal den Tempel besuchte, den ich unbedingt im Film zeigen wollte, dachte ich daran, wie schön es wäre, diesen Tempel im Schnee zu zeigen; in der Nacht, bevor wir dort drehten, hat es tatsächlich so sehr geschneit, dass wir ihn nur mit Mühe erreichen konnten.

Zum Abschluss möchte ich Sie noch zu der Entstehungsgeschichte des Projekts befragen. Dieser Film kam gewissermaßen zu Ihnen, in Form einer Einladung des Internationalen Frauenfi lmfestivals von Seoul. Eines Tages bekam ich eine E-Mail, in der ich gefragt wurde, ob ich Lust hätte, einen Film in Korea zu machen. Ich war hocherfreut - ich war ja noch nie zuvor dort gewesen und bedauere ehrlich gesagt ein wenig, nicht schon früher einmal dorthin gereist zu sein. Ursprünglich wurde ich gebeten, ein Exposé zu schicken, das habe ich aber abgelehnt, weil ich so nicht arbeite. Stattdessen habe ich geantwortet: "Ich komme, ich schaue und ich mache." Das Thema stand in Zusammenhang mit dem zehnjährigen Jubiläum des Festivals und lautete: "Seoul. Women. Happiness". Lange geschah dann erst einmal gar nichts, es gab Schwierigkeiten mit der Finanzierung der ursprünglich zehn geplanten Filme. Irgendwann schrieben die Veranstalter, das Thema hieße nun "Seoul. Women. No Happiness", weil statt zehn Filmen nur sechs realisiert werden könnten. Am Ende wurde ich als einzige nichtkoreanische Filmemacherin eingeladen, einen dieser Geburtstagsfi lme zu machen. So entstand mein 15-minütiger Kurzfi lm Seoul Women Happiness. Ich habe diesen Film komplett in Seoul realisiert, und er ist sehr schön geworden. Aber ich hatte dermaßen viel gedreht, dass ich das Material unmöglich in einem Kurzfi lm unterbringen konnte. Rituale brauchen nun einmal ihre Zeit. Am Schneidetisch und vor allem nachts habe ich immer wieder darüber nachgedacht, was ich mit diesem wunderbaren Material nur machen könnte. Viele Szenen hatte ich beim Schneiden des Kurzfi lms nicht einmal angerührt; einige existierten bereits als Rohschnitt, wurden aber aus dramaturgischen und Zeitgründen nicht verwendet. Nach der Fertigstellung von Seoul Women Happiness habe ich dieses Material den Frauen vom Festival gezeigt und ihnen vorgeschlagen, mir das Material zu überlassen, das mir als Grundlage für einen langen Film dienen sollte.

 

Interview: Dorothee Wenner, Berlin, Januar 2009