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Ulrike Ottinger: Stationenkino – Kleine Geschichte des Erzählens in freien Bildern

Was ist das, das uns so gefällt am Geschichten erzählen? Was ist diese unstillbare Lust immer wieder die (selbe) Geschichte im neuen Gewand, in neuen Bildern zu sehen?

Eine der ältesten Dramaturgien ist die der Stationen. Sie ist zutiefst mit den frühen Erfahrungen der Menschheit verbunden. Die Nomaden folgten den Herden durchs Grasland, Wälder, Gebirge, Schluchten, Steppen, Wüsten, Seen, Flußläufen, Tundra und Taiga. Aber nicht nur die Landschaften mit ihren sehr unterschiedlichen Herausforderungen wechselten, sondern auch die Jahreszeiten. Es gab die "fette" Zeit mit ihren Festen und Vergnügungen und die lange dunkle Zeit des Winters mit ihren Entbehrungen und der bitteren Kälte. Im Sommer wurden die Epen aus Freude am Zusammensein und dem üppigen Leben erzählt und im Winter, um die harte Zeit besser zu ertragen. Diese Epen folgen den Gesetzen einer sehr klug ausgedachten und gleichzeitig verblüffend einfachen Dramaturgie. Sie hat ein strukturelles Skelett, das gefüllt werden kann mit Vergangenheit - der allen bekannten Geschichte der Gruppe - mit Zukunft - den Wünschen, Hoffnungen, Ängsten - und der Gegenwart. Alle aktuellen Ereignisse freudiger oder beunruhigender Art werden so bearbeitet und finden ihre Form.

Dieses Skelett der Erzählung ist in allen Kulturen verbreitet. Es hat viel mit Erinnerungstechniken zu tun. Wir kennen Holzplättchen, auf denen Steine in verschiedenen Farben und Größen, Muscheln, Stöckchen, kleine Knochen und andere Materialien in bestimmten Anordnungen befestigt sind. Jedes Teil steht für bestimmte Menschen/Ahnen, ein Ereignis, Orte. Diese frühen Memory-Boards gibt es in den unterschiedlichsten Techniken: Flechtwerke mit komplizierten Mustern, Stein- oder Knochenanordnungen. Sie sind gleichzeitig irdische und kosmische Modelle.

Polynesische Navigationsmodelle operieren nach diesem Memory Prinzip. Diese Hilfsmittel sind ein Versuch zu erinnern, sie dienen der Orientierung und geben den Vorstellungen eine Form und zwar eine hochkondensierte, abstrakte. Die Unterscheidung zwischen Realität und dem Vorgang, dieser Realität eine Form zu geben, nämlich Kunst zu machen, ist eine sehr bewußte.

Ich frage mich oft, wie verhält sich das heute? Unser Memory-Board ist vor allem der Computer, mit dem wir Zugang haben zu allen Großspeichern, Archiven, Bibliotheken, Websites von Einzelpersonen und vor allem - ob nun gewollt oder eher ungewollt - zu einem unendlichen Müllberg von Werbung. Ist dieser Müllberg unser selbst verursachtes Schicksal, oder ist dies der Griesbreiberg, durch den wir uns durchfressen müssen, um ins Schlaraffenland zu kommen. Ist das neue "Computerpixel" das Bild, das vom künstlerisch uninteressanten Abbild der Naturimitation wieder zur Stilisierung, zur Verdichtung, zur Abstraktion führt?

Wir öffnen das Internet wie die Türchen des Adventskalenders, denn vorhanden ist nur, was zuvor eingegeben wurde. Weder sind die Bilder noch die Geschichten neu:

Warum orientieren sich die Science Fiction und Fantasy Filme immer an Genres wie Kriegs-, Western- und bevorzugt Ritterfilmen - und sehen vor allem so aus?

Warum können wir uns nichts anderes vorstellen?

Warum wollen wir nicht sehen, wie konstant eigentlich unsere Vorstellungswelten, unsere Bilder sind?

Die Werbung nutzt allen voran diesen alten Steinbruch der Bilder. Sie wertet sie solange aus, bis sie keine Bedeutung mehr haben.

Mir müssen also das Skelett mit neuen Stationen und neuen Bildern füllen.

Aber welche Stationen, wenn doch die Menschheit sich teilt: in solche, die weiter nomadisieren: die Flüchtlinge, die Wanderarbeiter, die unglaubliche Anstrengungen unternehmen müssen, um sich ständig wechselnden Anforderungen und Gefahren zu stellen, und ihre ganze Intelligenz einsetzen müssen, um ihre unvorteilhafte Position wett zu machen und in unbekannter, oft feindseliger Umgebung zu überleben - und in die Sesshaften, Etablierten, die alle Vorteile auf ihrer Seite haben und deren Intelligenz und Reaktionsvermögen nicht mehr so gefordert wird, es sei denn, sie holen sich die Welt "ins Haus" und setzen sich mit ihr auseinander.

Es geht mir darum zu beschreiben, wie sehr unsere Formen des Erzählens und Bildfindens, unsere (Film-) Kunst mit unseren Erfahrungen zusammenhängen, die ja über die beiden Grundmodelle menschlichen Seins - des Nomadischen und des Sesshaften - hinaus unendliche Differenzierungen haben.

Das Nomadische ist ein sehr bewegtes Leben, ständiger Wechsel bringt viel Anregung, und die Sehnsucht zielt nicht auf Ruhe, sie möchte unterhalten und unterhalten werden. Das Sesshafte hat zuviel Ruhe, will abschalten und sehnt sich nach Erholung. Dies ist ein Paradoxon und erklärt sich wie ein Dynamo. Die Bewegung produziert Bewegung, der Stillstand den Stillstand.

Das Skelett muß also mit bewegten und ruhigen Stationen, mit Nomadischem und Sesshaftem gefüllt werden. So entsteht nicht nur Spannung, wir sind auch in der Lage, eine ganze Welt mit ihren extremen Gegensätzen und allen Zwischenstufen zu zeigen. Nicht umsonst hat sich der Film auf diese dramaturgische Form gestürzt. Sie passt ihm wie ein Handschuh. Denn der Film hat als Medium die Eigenschaft, zwischen Einzelkader und Sequenz, zwischen Tableau und Narration zu wechseln. Daher sind die Filme interessant, die diese strukturelle Verwandtschaft reflektieren, sie zum Thema ihrer Erzählung und Dramaturgie machen.

Das Modell des Stationenkinos bewegt sich und ermöglicht Kommunikation von Innen nach Außen und von Außen nach Innen, was zu den verblüffendsten Ein- und Aussichten führt. Es ist ein Modell, das auch die komplexesten Rück-Blicke und Vor-Schauen erlaubt. Und es ist ein Kino, das zugleich die Ordnung und die Anarchie der Bilder ermöglicht.


© Ulrike Ottinger

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