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Pressestimmen

Frieda Grafe, Süddeutsche Zeitung, 7/8.11.1981

 

Der Oberfreak, der Titelfreak ist dem Orlando aus Virginia Woolfs Roman nachempfunden, der den alten Traum vom androgynen Menschen realisiert; und wie Orlando im Roman ist er der Zeit, der Vergänglichkeit nicht unterworfen, das allein schon macht ihn zu einem Monster an Erfahrung [...]. Das Kaufhaus ist in FREAK ORLANDO der Tempel der Versprechungen, der Sammelplatz der Gläubigen, wo nach bestimmten Liturgien öffentliches Leben sich regelt. Da werden nicht nur die Normen zementiert, sondern auch das Verhältnis zur Vergangenheit ausgebeutet. Erst das Allerneueste, verkuppelt mit dem guten Alten, ergibt das richtige Sonderangebot [...]. Das Kino verwirklicht die Collagenträume des Surrealismus — ohne Kino wären die Surrealisten nie auf ihre revolutionären Metamorphosen gekommen.

Für Ulrike Ottingers Kinokonzeption ist entscheidend, daß Film alle Vorstellungen, alle Wünsche, Ängste, Träume mit der Aura des Realen ausstatten kann. Man kann mit dem Kino beweisen, um es bildlich auszudrücken, daß der Mythos eine Dame ohne Unterleib ist. 

 

 

Gertrud Koch, Frankfurter Rundschau, 14.11.1981

 

Die Dimension der emotionalen Aufladung der Bilder, die über das Verwundern hinausgeht, kommt dem Film vor allem über das Spiel Delphine Seyrigs zu, die neben Magdalena Montezuma als Orlanda / Orlando die wechselnden Episodenrollen durchläuft von der Lebensbaumgöttin, Mutter der doppelköpfigen Wundergeburt, siamesischer Zwillingshälfte, Kaufhausansagerin bis zum Bunny beim 'Wettbewerb der Häßlichen'. Während Magdalena Montezuma die Eiseskälte der Kunstfigur virtuos verbreitet, spielt Delphine Seyrig ihre Parts durchaus mit psychischem Profil, vermenschlicht mit fIatterndem Lächeln, zarten Blicken, sanftem Timbre das Künstliche zur weicheren Kontur der Person.