Pressestimmen

Wolf Donner, Der Spiegel, Nr. 48, 1979

 

[…] Die namenlose Lady rauscht in Tegel ein wie eine Science-fiction Fee im aseptischen Glas-, Beton-und Neon-Märchenland. Ein Koffer bricht auf, ein Getränkewagen geht zu Bruch; ein Zwerg, ein Diebstahl, Polizei, drei hochnäsige Kongreßteilnehmerinnen. Und eine Ansage annonciert:

'Berlin Tegel Realität'. Lapidar registrierte Vorfälle, kleine Desaster, befremdliche, bedrohliche Warnsignale […] Berlin oder die Topographie des Fusels [...]: attraktive Tristesse wie in den schlimmsten Ecken Brooklyns, rührende Promenadenmischung aus Zille und Las Vegas. So liebevoll und erschreckend und wahrhaftig ist diese Stadt im Film noch nicht porträtiert worden […]

 

 

Norbert Jochum, DIE ZEIT, 23. 11.1979

 

[…] In BILDNIS EINER TRINKERIN wandelt sich das Stadtbild in das Bild einer Stadt, in der der Wunsch, sich zu Tode trinken zu wollen, beinahe als Ausdruck des Überlebenswillens erscheint. Berlin ist in diesem Film eine Stadt der Isolation: nicht, banal, der Isolation nach außen; auch nicht, schon weniger banal, der inneren Isolation; sondern Berlin ist die Isolation als Stadt, die zur Stadt verwandelte Einsamkeit.

Die Qualität dieses Films: daß er das nicht behauptet, sondern zeigt, auf verschiedene Arten. Der Film erzählt nicht eine Geschichte, sondern collagiert das Bildnis einer Trinkerin: eben das ist seine Methode. Subversiv verweigert er sich auf den zweiten Blick der Entfaltung einer realen Zeit […]

 

 

H.G. Pflaum, Süddeutsche Zeitung, 12.2.1980

 

[…] ein intellektueller Augenspaß — und zugleich ein Berlin-Film. Wo sonst in einer deutschen Stadt besteht eine ähnlich enge Verbindung zwischen Hypermode und Subkultur? Die Regisseurin ist eine Virtuosin im Erdenken und Umsetzen von Bildern, in der photographischen Konfrontation von Gegensätzen, sie verfügt vor allem über eine durchaus fesselnde manieristische Kraft […] 

 

 

Bodo Fründt, Stern Nr. 45, 29.10.1981

 

[…] Die ungewöhnliche Geschichte vom Trinken fängt, obwohl in kühlen, streng arrangierten Bildern erzählt, sehr lebensnahe, detailliert beobachtete Alltagssituationen ein. 

Immer bleiben die Szenen des Films in der Schwebe zwischen bitterem Ernst und böser Ironie:

Ein freundliches Lachen ist jeden Augenblick ebenso denkbar wie der jähe Tod. Zu diesem eigentümlichen Eindruck trägt viel der unkonventionell eingesetzte Ton bei, der aus Originalgeräuschen, -dialogen sowie synthetisch erzeugten Klängen besteht und oft gegenläufig zu den Bildern eingesetzt wird … 

 

 

Karena Niehoff, Der Tagesspiegel, 9.9. 1979

 

[…] Eine Kunstfigur, eine Frau aus Porzellan (Tabea Blumenschein), mit sehr hohen, nicht mehr wahrnehmbaren Herztönen, zerschlägt sich selbst. Der fremde Ort, an dem sie, die Fremde, dies, ungestört auf ihre Passion konzentriert, zu tun gedenkt, ist Berlin. Sie, ohne Namen, ohne Nationalität, ohne erkennbare Vergangenheit, löst irgendwo [...] ein Flugbillet ,Aller jamais retour' nach Berlin Tegel:

Gleich anfangs ein sonderbar glasiges Berlin, wie es sich dem Wahn aus Schnee und Fieber einer ganz und gar nicht gewöhnlichen Trinkerin darbieten mag: der Flugplatz ist fast leer, die hohen Ansagestimmen kommen aus dem Nichts und weisen ins Nirgendwo, nur noch drei von Kongreß zu Kongreß reisende Damen in Pepita-Reisekleidung sind angekommen: drei Nornen, genannt 'Soziale Frage', 'Exakte Statistik' und 'Gesunder Menschenverstand' […], die fortan, ohne mit einem Menschen je Kontakt aufzunehmen, gleichsam für diese unter Tarnkappen, fast an jedem Schauplatz niederflattern wie weise Raben, daselbst ständig ihre wissenschaftlichen 'Erkenntnisse' über die verschiedenen psychischen Ursachen und Auswirkungen männlicher und weiblicher Trunksucht als leblose Leerformeln auszuspucken; ein Begleitchor, kalt und komisch […]