Prater

Der Wiener Prater ist ein realer Ort des Vergnügens und eine Wunschmaschine.

Keine technische Erfindung, keine bahnbrechende Idee, keine sensationelle Neuigkeit,

die nicht sofort im Prater aufgetaucht wäre. In abwechslungsreichen Erzählungen verwandelt Ulrike Ottingers Film „Prater“ diesen Ort der Sensationen in ein modernes

Kino der Attraktionen. In Miniaturen wird die Geschichte des Wiener Praters von den

Anfängen bis heute erzählt. Sie umfassen aktuelle Filmbilder vom Prater, Gespräche mit

Schaustellern, Kommentare von in- und ausländischen Besuchern, Filmzitate, Text- und

Fotodokumente. Das bunte Erscheinungsbild des Praters im Spiegelbild seiner technisch

medialen Entwicklung wird mit Texten von Elfriede Jelinek, Josef von Sternberg, Erich

Kästner, Elias Canetti illustriert und durch vielseitige Musiken akzentuiert.

Prater

Kurzinhalt

Mit betörenden Bildern verwandelt Ulrike Ottingers Film Prater den beliebten Wiener Ort der Sensationen in ein Kinoerlebnis. Praterdynastien erzählen vom Schaustellerleben. Wir begegnen den Nachkommen des „Manns ohne Unterleib“, der um 1900 mit Frau und Kindern eine Vielzahl bis heute bestehender Vergnügungsbetriebe gründete. Wir treffen die Besitzer des Schweizerhauses, Manager eines gastronomischen Spitzenbetriebs, deren Vorgänger kaiserliche Jagdtreiber waren, oder den Prater-Heinzi, der pfleglich ausgemusterte Illusionsmaschinen repariert. Zusammen mit den Praterbesuchern von früher und heute reisen wir, ohne uns von der Stelle zu bewegen: Wien verwandelt sich in Klein-Venedig mit Kanälen, Rialtobrücke und Dogenpalast. Von hier aus kann man Postkarten in alle Welt verschicken. Und über all dies trägt uns das Riesenrad und bietet uns den Blick über die Dächer von Wien.

Bei Tag gehört der Prater den Kindern und Familien. Mit strahlenden Augen sitzen die Kleinen in Miniaturautos und vor dem Kasperltheater. Der Abend zieht die Jugendlichen magisch an und alle, die jung geblieben sind. Dann verwandelt sich der Tanztee in eine wilde Disco einsamer Herzen. Teenager zeigen mit abenteuerlicher Akrobatik zu osteuropäischen Raprhythmen, dass keine Zentrifugalkraft sie aus dem Gleichgewicht bringen kann. Eine Jugendgang beweist sich am „Watschenmann“. Und über allem glitzern die in bunten Farben leuchtenden Achterbahnen. Ejection Seats, Karussels und Autoscooter machen den Sternen am Nachthimmel Konkurrenz. Wirklichkeit und Illusion, Vergangenheit und Gegenwart: Hier geben sie sich ein fulminantes Stelldichein.

Ulrike Ottingers Film Prater taucht mit seinen atemberaubenden Bildern jeden Kinogänger in sein eigenes Universum der Wünsche und Sensationen. Er verbindet die Kulturgeschichte des ältesten Vergnügungsparks der Welt mit brillanten Einblicken in die Wandelbarkeit der technischen Attraktionen. Zugleich erzählt er von Menschen, für die der Prater Ort der Unterhaltung, der Erinnerung oder ganz einfach Lebensmittelpunkt ist. Der Wiener Prater ist eine Wunschmaschine. Mit der neuesten Raumfahrttechnik lässt man sich in den Himmel schießen und in der Geisterbahn trifft man die Monster der Kinogeschichte. Die Wiese (Pratum) - früher Jagdrevier des Kaisers – ist heute Spielwiese für jedermann. Der Sprung durch Raum und Zeit: Hier ist er möglich.

Textauszüge und literarische Zitate aus dem Film

Josef von Sternberg

- "Ich, Josef von Sternberg" (Auszug)

 

Unzählige Schießbuden, Kasperltheater mit der unvermeidlichen Teufelspuppe,

weißgeschminkte Clowns in Dominokostümen, Boote, die von hoch oben mit lautem

Klatschen ins Wasser schossen, Puppen mit Ledergesichtern, die stöhnten, wenn

man sie schlug. Dressierte Flöhe, Schwertschlucker, Purzelbaum schlagende

Liliputaner und Männer auf Stelzen, Schlangenmenschen, Jongleure und Akrobaten,

Schaukeln, die die Röcke flattern ließen, so dass man sah, dass nicht alle Frauen

keine Unterwäsche trugen.

 

Hypnotiseure, die die Schwerkraft aufheben konnten und Ringe um schlafende Frauen legten, die ein Meter fünfzig über dem Boden schwebten, auf dem sie eigentlich hätten liegen müssen, und in der Mitte von allem ein riesiger chinesi-scher Mandarin mit einem Schnauzbart, länger als ein Pferdeschweif, der sich auf einem Karussell zu den Klängen von Ivanovicis Donauwellen drehte... Was mehr hätte ich mir wünschen können?

 

 


Alfred Kern 

- Schausteller 

 

"Zu dieser Zeit kam dann auch ein gewisser Herr Stephan Perlmann in den Prater und zu meinem Großvater und überzeugte diesen, dass es die Zeit ist, umzustellen. Und so kam es, dass wir aus dem vorhandenen Karussell ein Kino machten. Das erste Stummfilmkino. 1905. Weil da war das was! Ja, da hat man bewegte Bilder... Das war sensationell für die Leute! Da wurden auch die Vorstellungen im Rahmen von 15, 20 Minuten abgehalten. Und dann kam der Tonfilm. Da waren wir eine der ersten, die auch umgestellt haben zum Tonfilm. Wir haben die Taucherglocke weggeben. Haben aus den zwei Betrieben ein großes Tonfilmkino gemacht. Wir hatten dann auch noch das Planetarium und Tegetthoff-Kino, das am Praterstern gewesen ist. Ein Kino, das nicht nur Kino war, sondern auch Planetarium. Wir haben ganz tolle Optiken von Zeiss, Jena-Zeiss gehabt. Wir bekamen dann noch weiter auf der Praterstrasse das Nestroy-Kino dazu. So hat sich meine Familie in der Kino-Branche mit meinem Onkel, mit dem Herrn Perlmann, einen Namen gemacht." 

 

 

 

Elfriede Jelinek 

- "Prater-Text für Ulrike Ottinger" (Auszug)

 

Wenn die Gefahr bestand, ich könnte die Beherrschung verlieren, schreiend vor Vergnügen auf dem Ringelspiel mit den Topferln - meinem Lieblingsringelspiel - oder auf anderen Vergnügungsmaschinen, inmitten all der Buntheit des Praters und all der Vielfältigkeit, die sich ohnehin jeder Beherrschung zu entziehen schien, wenn ich also außer Rand und außerhalb ihrer Herrschafts-Bande zu geraten droh-te wie eine verirrte Billardkugel, musste ich, gleichsam am Schnürl, wieder zurückgeholt werden. 

 

Da waren also Buntheit und Vielfachheit all der Pratergeräte, nur dazu da, benützt zu werden, als Geräte, dazu vorhanden, um den Benutzern etwas zu eröffnen, das die Benutzer, Menschen, Kinder, Erwachsene, immer wieder neu erscheinen lassen konnte, auch wenn sie immer wieder die Alten waren, wenn sie davon herunterstiegen oder daraus hervorkamen, aber diese Erlustigungsmaschinen, Spiegelkabinette, Geisterbahnen, Hochschaubahnen, immer das Neueste vom Neuen, das gehört zur Technik, ja dazu, dass sie immer das Neueste ist und bietet, diese Maschinen und auch das kleinste Ringelspiel ist ja eine Maschine, in die man sich begibt, und wenn man dabei klein ist, kann man sich vorübergehend groß vorkommen, mit Hilfe der Technik, die einen liebevoll aufnimmt. 

 

Der Prater allerdings ist mir, als ich Kind war, von meiner Mutter weggenommen worden, weil mein Wille, diese Vergnügungsmaschinen mit meinem kleinen Körper zu bändigen, ein Wille war, der auf etwas anderes gerichtet war und letztlich der Zähmung, der Dressur durch die Mutter mit einem Atom Willenskraft Widerstand geleistet hätte. Aber das Ziel war ja: Ich sollte gemeistert werden. Ich sollte nicht Maschinen mit mir bestücken und damit eine Art Herrschaft über sie erlangen. Da hätte ich ja etwas über Herrschaft lernen können, und das war nicht erlaubt. Der einem fremden Willen Unterworfene treibt, wie Stückgut, Papierln, Äste, am Wesen des Lebens vorbei. Der Prater hätte nichts als ein Kescher sein können, der einen hätte herausholen können. 

 

 

 

Herbert J. Wimmer 

- Schriftsteller 

 

"Da sind wir aus Niederösterreich, mit Hunderten anderen Firmlingen nach Wien gefahren, um eben im Stephansdom gefirmt zu werden und ein fixer Bestandteil des Programms ist dann natürlich nach der Firmung der Prater. Es hat sozusagen kein normales Publikum gegeben an diesem Tag. Da also fast 1000 Firmlinge, glaub ich, hier her gekarrt wurden, um eben dieses Erlebnis zu bekommen. Das ist ja irgendwie auch so eine Art Initiationsritus, nicht nur im religiösen Teil, sondern auch in das Vergnügen!" 

 

 


Dr. Ursula Storch 

- Kuratorin, Wien Museum

 

"Eine Reise um die Welt im Wiener Prater"

Obwohl der Prater von der Wiener Innenstadt aus in kurzer Zeit zu erreichen war, konnte es geschehen, dass diese Wegstrecke im 19. Jahrhundert zu einer Reise in ein fremdes Land oder auf einen fremden Kontinent wurde.

Mithilfe verschiedenster illusionistischer Methoden wurden im Prater zur Unterhaltung imaginäre Reisen, Reisen im Kopf, angeboten. So zeigte man etwa ein überaus realistisch gemaltes Panorama der Stadt London, Grottenbahnen und Fahrdioramen luden zur Reise Wien - Konstantinopel, Wien - Nizza oder Wien - Paris ein. Das so genannte Pleorama täuschte eine Schiffsreise vom nördlichen Amerika bis zum Nordpol vor und neben lebenden exotischen Tieren wurden auch Menschen aus fernen Regionen bestaunt, die unter geheimnisvoll klingenden Bezeichnungen wie Zulukaffer und Matabelen, Siamesen, Kabylen und Fidschi-Insulaner angekündigt wurden. Während der Weltausstellung konnte man im Palais des Vizekönigs von Ägypten den Harem besichtigen, im türkischen Kaffeehaus die Wasserpfeife rauchen und im amerikanischen Indianerzelt einen Longdrink nehmen. Eine der perfektesten Reiseillusionen im Wiener Prater war jedoch eine verkleinerte, aber begehbare Rekonstruktion Venedigs mit Palazzi, Restaurants und Souvenirbuden sowie einem Kanalsystem, das man in originalen Gondeln befahren konnte. "Gruß aus Venedig in Wien" war auf die Ansichtskarte gedruckt, die man von dieser imaginären Reise nach Hause schicken konnte - womit auch die Samstag Nachmittags zu Hause Gebliebenen in die Illusion einer Reise eingebunden wurden.

 

 

 

Dr. Werner Schwarz 

- Kurator, Wien Museum

 

"Aschantifieber", so ein Wiener Redakteur, hätte 1896 in der Stadt grassiert. Die Rede ist von einem sogenannten afrikanischen Dorf, das mehrere Monate lang im Tiergarten des Praters aufgebaut ist und in dem mehr als einhundert Frauen, Männer und Kinder leben. Zu bestimmten Zeiten zeigen sie Tänze, Umzüge und religiöse Bräuche. In der übrigen Zeit ist das Dorf nahezu rund um die Uhr für das Publikum zugänglich. Es ist dabei, wenn gekocht, gegessen, Toilette gemacht, die Schule besucht und wenn geboren, geheiratet oder gestorben wird. 

 

 

 

Elias Canetti 

- "Die gerettete Zunge. Geschichte einer Jugend" 

 

Draußen vor der Grottenbahn, bevor die Fahrt begann, gab es das Maul der Hölle. Es öffnete sich rot und riesig und zeigte seine Zähne. Es war, wie Fanny, das Kindermädchen, sagte, Platz in der Hölle, um die ganze Stadt Wien und alle ihre Menschen zu verschlingen. 

Ich setzte mich eilig ins Gefährt, eng an sie gedrückt. 

Der Zug blieb stehen und nun war die Stadt am Meer zum Greifen nahe. Da donnerte es schrecklich, es wurde finster, ein fürchterliches Winseln und Pfeifen war zu hören, der Boden rüttelte, wir wurden geschüttelt, es donnerte wieder, es blitzte laut: alle Häuser von Messina standen grell in Flammen.

Taumelnd verließ ich die Grottenbahn und dachte, nun werde alles zerstört sein, der ganze Wurstelprater.

Quelle: artUS, issue 19, 2007, S. 60-63. Autor: Larry Rickels