DIE KOREANISCHE HOCHZEITSTRUHE

Ulrike Ottinger

 

1. Auf einem hohen Berg, tief in der Erde verborgen lebten zwei riesige uralte Ginseng-Wurzeln. Sie waren Mann und Frau und stammten noch aus der Zeit, als Bär und Tiger die ersten Menschen zur Welt gebracht hatten.

 

Eines Tages hörten sie einen schrecklichen Lärm. Es war ein wütender Feuerdrache. Mit seinem heißen Atem hatte er die undurchdringlichen Wälder versengt und mit seinen mächtigen Eisenklauen durchpflügte er die Erde, so dass sie um ihr Leben fürchten mussten. Da sagte die Ginseng-Frau zum Ginseng-Mann: "Lass uns von hier fortziehen und sehen was in der Welt geschieht und was diese Unruhe zu bedeuten hat." Sie stiegen aus der Erde empor und am Fuße des Berges angelangt verwandelte sich der Ginseng-Mann in einen schönen Jüngling und die Ginseng-Frau in ein wunderschönes Mädchen. Sie wanderten Tag und Nacht bis sie zu einer grossen Stadt kamen. Bei einer Schamanin fanden sie Unterkunft und holten sich Rat. Nachdem sie die ganze Nacht getanzt und getrommelt hatte, sagte sie zu ihnen: "Lebt unter den Menschen, tut alles wie sie es tun und lernt sie zu verstehen."

 

2. Da sie keine Bilder von sich hatten, konnten sie den Menschen nicht beweisen, dass sie zusammen gehörten, ja überhaupt von ihrer Art waren. So beschlossen sie, sich der langen und schwierigen Prozedur des Menschwerdens zu unterziehen.

 

3. Zur Hochzeit hatten sie ihre Freunde vom Ginsengberg eingeladen. Bär und Tiger, den Kranich, die Berggazelle, Spatz, Hase und Fuchs, Schildkröte und Schmetterling, Kirschblüte und Granatapfel, Bambus, Päonie und Lotus. Die glücklichen Mandarinenten brachten sogar ihre Kinder mit. Nur der Phönix durfte das kaiserliche Ruhekissen nicht verlassen und schickte deshalb ein kostbar gesticktes Bild von sich.

 

4. Da sie nun Bilder von sich hatten und die Menschen sie als Ihresgleichen betrachteten, lebten sie mitten unter ihnen in einem hohen Haus, das bis zu den Wolken reichte. So hatten sie fast vergessen, weshalb sie sich einst auf den Weg gemacht hatten.

Da sagte eines Tages die Ginseng-Frau zum Ginseng-Mann: "Lass uns wieder in die Welt ziehen und sehen, was im Alten neu und im Neuen alt ist."

 

Es war ein kalter Wintertag an dem sie sich auf den Weg machten.