Ulrike Ottinger: Einführung

Das weite, von hohen Schneebergen völlig eingeschlossene Darchad-Tal ist nur über zwei schwer zu begehende Pässe erreichbar. Sie werden Wächter des Tals genannt. Auf ihrem höchsten Punkt stehen mächtige Owoos, Steinsetzungen, an denen Pferdehaar, Milch und Taiga-Weihrauch geopfert werden. Im Tal leben die Darchad-Nomaden mit ihren Yaks, Pferden, Kamelen, Schafen und Ziegen, genannt die Fünf Edlen Mongolischen Tiere, und in den Bergen die Sojon-Uriangchaj mit ihren Rentieren.
Das Buch beschreibt nicht allein eine Reise zu den beiden Völkern, sondern mit ihrer Hilfe auch eine Reise zu ihrer eigenen Geschichte, die sie uns in aufregenden Selbstinszenierungen erzählen. Sie sagen uns, schaut her, so sind wir, und meinen: so wollen wir von Euch gesehen werden. Manchmal kommt auch eine direkte Aufforderung: "Wollt Ihr davon kein Bild machen?" Die Polaroid-Kamera ist sehr beliebt, da sie Familienfotos für den Ehrenplatz in der Jurte liefert. Sie nennen sie "Apparat, der Bilder scheißt".
Die Reise führt auch in die vexierbildartige Landschaft der Taiga, die mit ihren kristallklaren Luft- und Wasserspiegelungen in unzähligen Blau- und Grün-Abstufungen verwirrt. Überall treffen wir auf animistische Opferstätten mit Stoffetzen und Heilige Bäume mit Pferdeschädeln.
Die Schamanen sind hier noch mächtig und begleiten ihre Schutzbefohlenen nicht nur bei Krankheit oder ins Herbst-, Winter- und Sommerlager, sondern auch ins moderne Leben. Der Abschied von Taiga und Tal oder der Umzug in die Stadt wird fast immer mit einer schamanistischen Séance und der "Frage nach dem Weg" eingeleitet.
Meine Neugierde und die Kamera animieren die Nomaden, ihre eigene Geschichte zu erzählen: wie es früher war, was verloren gegangen oder vergessen ist, was sich verändert hat. Die Bilder ergänzen oder kontrastieren das Gesagte. Ein Nachdenken über die eigene Geschichte wird so festgehalten.
Die Reise beginnt in der Wildnis bei den Nomaden und endet in den Blockhütten-Siedlungen, den alten Handelsstationen im mongolisch-russischen Warenverkehr, die in den letzten Jahren ihre Bedeutung verloren haben. Hier gilt das Alte nicht mehr und das Neue existiert in Wortformen wie "Neue Marktwirtschaft, Neue Freiheit, Neue Zeit". Sie sind angefüllt mit Wünschen und Träumen, die sie weit abrücken von der Banalität unserer mit diesen Worten verbundenen Vorstellungen. Sie bekommen eine mythische Qualität, und sie werden wie schützende Beschwörungsformeln gläubig wiederholt.
In Ulaanbaatar singt ein Hirte, der als "junges Talent" aus dem Grasland in die Stadt des "Roten Helden" kam, zur Pferdegeige Legenden aus alter Zeit. Im Freizeitpark steigen Kinder von den Hirschen des Karussells, um dem Epensänger in der Zementjurte zu lauschen.
Ulrike Ottinger

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