Erika Taube: Nachwort

Zwei Frauen begegnen sich in der Einsamkeit des Gebirgswaldes im Norden der Mongolei. Für einen Augenblick sind beide zutiefst erschrocken. Die eine muß der anderen wie ein Wesen aus einer jenseitigen Welt erscheinen - hier gibt es noch solche andere Welten. Aber dann lacht diese eine der anderen einfach zu, und wenig später sitzen die beiden beieinander auf dem Waldboden, tauschen ihre Schnupftabakdosen aus - das gehört hier zum Begrüßungszeremoniell seit langer Zeit - und nennen sich ihre Namen. "Meen adym Dolma", sagt jene, die auf dem Rentier gekommen war. "Minij ner Ulrike Ottinger", sagt die, die so anders aussieht als die Menschen hierzulande.

Ein glücklicher Name für das Vorhaben der Deutschen, denn "Ottinger" wird von den Tuwinern als "ot tengger" verstanden, und das bedeutet "Feuergottheit" - ein bei ihnen höchstverehrtes Wesen. Die mongolisierten Darchad verstehen diesen nun als "Sternenhimmel". Wer einen solchen Namen trägt, ist nicht zu fürchten. So hat dieser Name ihr wohl oft den Zugang zu den Menschen hier erleichtert. Aber ich denke mir, noch mehr war es ihr freundliches Lachen, das Ulrike Ottinger diesen Zugang erschloß und sie manches erleben und sogar filmen ließ, was zum Eigensten dieser Menschen gehört. Wo die Sinne noch nicht abgestumpft sind, spürt man genau, was einer für ein Mensch ist, und kann fein unterscheiden zwischen Aufrichtigkeit und Oberflächlichkeit - die Sprache ist dabei gar nicht so wichtig. Die Darchad und Sojon-Uriangchaj hatten es nicht mit einer Oberflächlichen zu tun - zu ihrem und unserem Glück.

"Taiga" heißt in der Sprache der Tuwiner "Gebirgswald" oder "Waldgebirge", und so führt dieses Buch denn auch in den nördlichsten Landstrich der Mongolei, wo die Steppenregion ausläuft und die Taigaregion beginnt. Es handelt vor allem von den heute mongolischsprachigen Darchad und den turksprachigen Tuwinern aus dem Stamm der Sojon-Uriangchaj. Letztere werden heute im allgemeinen als Tsaatan bezeichnet, und das heißt "Leute, die Rentiere haben" oder einfach "Rentier-Leute", so wie ihre mongolischen Nachbarn sie nennen - eine Gepflogenheit, die aufgegeben werden sollte. Völker und ethnische Einheiten muß man bei dem Namen nennen, den sie selbst für sich gebrauchen (in der Sowjetunion wurde dieses Prinzip einst durchgesetzt), und nicht so, wie es dem Fremden, der nicht selten der über sie Herrschende war, mundgerechter ist, oder wie es besser zu politischem Kalkül paßt - z.B. um der Verschleierung wahrer ethnischer Identitäten zu dienen. Wenn man die Tuwiner (Dyva) in der Mongolei tatsächlich "Dyva" genannt hätte, dann hätten sie, wie die Kasachen, Anspruch auf Unterricht in der Muttersprache für ihre Kinder gehabt. In der Westmongolei, wo ich Feldforschungen bei den dort im Altai lebenden Tuwinern trieb, ist dieses Grundrecht erst seit 1989 verwirklicht, und wenn ich in der Hauptstadt Ulaanbaatar von ihnen als von den Dyva sprach, wurde ich bis vor wenigen Jahren immer korrigiert. Tatsächlich tauchte der Name Tsaatan zum ersten Mal 1935 in der "Ünen", der Parteizeitung des Landes, auf. Das spricht dafür, daß es politische Gründe gab für die bewußte offizielle Sprachregelung durch Ignorierung der Eigenbezeichnung Sojon-Uriangchaj oder - die größere Zugehörigkeit ausdrückend - Dyva. Die Betroffenen haben die Fremdbenennung immer als diskriminierend empfunden. Unter meinen Aufzeichnungen habe ich die Äußerung einer Frau von den Sojon-Uriangchaj gegenüber dem mongolischen Journalisten Tsch. Baatar, die in diesem Zusammenhang aufschlußreich ist. Sie sagte: "Warum nennen uns die Mongolen immer Tsaatan, Rentier-Leute? Die Menschen in der Gobi nennt man doch auch nicht Temeeten, Kamel- Leute! Wir halten Rentiere, aber wir sind Tuwiner."

Beide - die Darchad und die Sojon-Uriangchaj - sind bisher nur wenig erforscht. Nachdem nach der Mitte des vorigen Jahrhunderts der russische Forschungsreisende G. N. Potanin unter anderem auch Material über die Darchad publiziert hatte, sammelte in den zwanziger Jahren der burjatische Gelehrte G. D. Sandshejev Material zu ihrer Sprache und Folklore, das er 1931 in Leningrad herausgab. 1978 veröffentlichte die Moskauer Mongolistin K. N. Jatskovskaja "100 Lieder des Darchad G. Davaadshij". Es ist wohl derselbe Dawaadshij, dem auch Ulrike Ottinger mit ihrer Mannschaft begegnete. Er ist einer von den drei Darchad-Sängern, und sie beschreibt ihn als ehrwürdigen Alten, aus dessen Liedersammlung sie ein paar Proben darbietet. Dem mongolischen Ethnographen S. Badamchatan verdanken wir schließlich eine erste zusammenfassende Studie über "Die Nationalität der Darchad von Chövsgöl" sowie einige Einzeluntersuchungen, zum Beispiel über das Zeremoniell zur Belebung der Schamanentrommel, deren französische Übersetzung in den in Paris erscheinenden "Etudes mongoles" (Cahier 17, 1986) zu finden ist. Dort wurde auch - vom gleichen Autor - die Übersetzung der ersten ethnographischen Studie zu den Sojon-Uriangchaj veröffentlicht (Cahier 18, 1987) über "Die Lebensweise des Tsaatan-Volkes von Chövsgöl", die bereits 1962 in Ulaanbaatar erschienen war. Bekannt sind mir schließlich noch zwei Aufsätze mongolischer Linguisten zur Sprache der Sojon-Uriangchaj.

Die Darchad, ursprünglich turksprachig wie die Sojon-Uriangchaj heute noch, waren schon zu Potanins Zeit sprachlich mongolisiert. Allerdings gebrauchten - nach Potanins Auskunft - ihre Schamanen damals noch während des Schamanierens die einstige Muttersprache, einen tuwinischen Dialekt. Dieses Phänomen, das Potanin auch für die ebenfalls mongolisierten Uriangchaj der Westmongolei beschrieb, wurde mir hundert Jahre später noch immer von diesen berichtet.

Diese Bemerkungen zeigen, wie sehr es zu begrüßen ist, daß gerade Ulrike Ottinger, die bereits mit ihrem Film "Johanna d'Arc of Mongolia" ihr feines Gespür für diese ferne nomadische Welt bewiesen hat, einen breiteren Leserkreis mit den Darchad und Sojon-Uriangchaj bekannt macht. Eigentlich hatte sie eine Arbeit mit den Rentiere haltenden Ewenken im Norden Chinas geplant, die nicht durchführbar war, was angesichts des vorliegenden Buches durchaus nicht zu bedauern ist. Denn auch mit der Taiga-Region um den Chövsgöl-See und ihren Bewohnern hatte sie sich schon lange vertraut gemacht, so daß die nötige Änderung ihres Vorhabens sie nicht unvorbereitet traf. Das Buch bezeugt es.

Als ich das Manuskript bekommen hatte, las ich es in einem Zug. Nie hatte ich den Eindruck, es sei auch nur das geringste zugefügt, um die Beschwernisse einer solchen Reise, einer solchen Unternehmung zu betonen oder um irgendwelcher anderen Effekte willen. Manchmal sah ich alles sehr deutlich vor mir, erinnerte mich an die gleiche Art von Überwältigtsein angesichts solcher Landschaften, wie es Ulrike Ottinger etwa von einem frühen Morgen beschreibt. Und einmal, als sie vom Tingis-Fluß erzählt, roch ich plötzlich diese Art Feuer im Freien, und die Atmosphäre einer solchen Situation war ganz gegenwärtig.

Aber auch an vielen Details ist die Genauigkeit der Beobachtung zu erkennen. Wenn etwa die Schamanin darauf achtet, daß der Ärmel des Schamanengewands nach der Séance zugebunden wird, so geschieht das, weil durch den Ärmel böse Kräfte eindringen und später Schaden zufügen können. Bei den fast anderthalb Tausend Kilometer entfernt im Altai lebenden Tuwinern heißt es daher: "Das Unheil ist schon im Ärmel", wenn alles so aussieht, als nähme ein Unglück seinen Lauf. Immer wieder wird der Leser und Betrachter mit den noch ganz lebendigen alten Glaubensvorstellungen konfrontiert - es muß gar nicht das faszinierende Phänomen des Schamanentums sein. Dennoch - die Wiedergabe der Begegnung mit Schamaninnen und ihrem Wirken ist besonders eindrucksvoll. Ich glaube, gerade wenn man die eigene Sphäre des Anderen respektiert, wenn man dafür auch bereit ist, auf bestimmte Informationen und Aufnahmen zu verzichten - was manchmal nicht leicht sein mag, aber doch unabdingbar ist - gerade dann kann es geschehen, daß man mehr sehen und dokumentieren darf als der Rücksichtslose, der vielleicht gar nicht das Wesentliche erfahren will, sondern vor allem auf die vermarktbare Exotik aus ist. Bei einer Schamanen-Séance dabeisein und filmen zu dürfen, ist eine seltene Auszeichnung!

Obwohl die eingestreuten Texte aus der mündlichen Überlieferung mit Hilfe von Mittlern über das Mongolische ihre deutsche Form erhielten, scheint es mir, dass sie nichts an Substanz verloren haben. Man merkt, dass intensiv mit den Informanten und Dolmetschern gearbeitet wurde. Daß bei den Schamanentexten - für unser Denken - nicht alles verständlich ist, kann gar nicht anders sein. Bei den Liedern sind die parallele Struktur und die Gegenüberstellung von Bildern aus Natur und Menschenleben, beides charakteristisch für die Dichtung der Völker jenes Kulturkreises, gut erhalten. Und wenn uns in Frau Sürenchors "Erzählung vom nackten Jungen im Erdloch" der Gestiefelte Kater in Gestalt eines Fuchses begegnet, so muß nicht an der Authentizität gezweifelt und mit neueren Einflüssen gerechnet werden. In ganz ähnlicher Gestalt ist dieses Märchen in Zentralasien weit verbreitet und vielleicht sogar dort beheimatet. Es ist schön, daß Ulrike Ottingers Buch reichlich Gelegenheit bietet, die Darchad und die Sojon-Uriangchaj selbst durch ihre Erzählungen und ihre mündlich überlieferte Literatur zu hören.

Es versteht sich, daß in der kurzen Zeit von zwei Monaten - selbst mit den heute gegebenen Mitteln - einer allein das nicht zustandebringen kann, was als Ergebnis vorliegt - es ist ja nicht nur dieses schöne Buch. Man kann Ulrike Ottinger nur zu ihrer Mannschaft beglückwünschen und diese in den Dank für Buch und Film einbeziehen.

Der Wert des Buches ist zweifacher Art. Erstens vermittelt es Kenntnisse über zwei kleine Völkerschaften der Mongolei, mit denen sich die Wissenschaft noch zu wenig befaßt hat - davon war schon die Rede. So haben Bilder und verbale Informationen selbst für die Wissenschaft unmittelbaren Nutzen (und hier muß auch auf den Film, der zugleich entstanden ist, verwiesen werden), aber auch der an fremden Kulturen interessierte Leser kommt mehr als manches andere Mal zu seinem Recht. Und zweitens vermittelt das Buch diese Kenntnisse authentisch und auf einfühlsame Art. So erfahren wir mehr als nur Wissenswertes über Menschen, die auf ihre Weise - sorgsamer als wir - auf dieser Erde mit uns leben. Und es tut das behutsam, mit Achtung vor dem Anderen und seiner Würde. Ich halte das für einen wesentlichen Vorzug dieses Buches. Ich habe Ulrike Ottinger nur einmal gesehen. Das genügte, um zu wissen, daß die Widmung am Anfang ihres Buches keine Geste ist, sondern ihr aus dem Herzen kommt. Sie zeigte mir die Fotos, und angesichts mancher Porträts fühlte ich: hier ging es nicht um Personen, mit denen sie einmal bei ihrer Arbeit zu tun hatte, sondern um Menschen, die ihr viel mehr bedeuten. Auch davon sagt das Buch "Taiga".

Es ist zu wünschen, daß ihre Hoffnungen in die "Neue Zeit", von denen wir auf der ersten Seite lesen, diese liebenswerten Menschen nicht enttäuschen!

Erika Taube, Mainz, im August 1992

 

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