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Eva Meyer: Aus dem Film

Zeitpunkt und Kontrapunkt
1. Tag: 22. Juni 1990 
Der Einsteinturm, Potsdam. Sternwarte und astrophysikalisches Institut. 1920-24 von Erich Mendelsohn erbaut. Das Licht der kosmischen Quelle wird vom oberen Teleskop aufgefangen, reflektiert und in die spektographischen Geräte der unteren Räume projiziert.
"Formt aus dem realen Voraussetzungen die Kunst, aus Masse und Licht den unfaßbaren Raum." So schlägt sich nach Mendelsohn die innere Zweckmäßigkeit des architektonischen Organismus nach außen durch zu einer Form, die die Materie selbst erzählen läßt: Daß sie aus der Erde hervorbricht oder auch eine Raumstation sein könnte. Und daß sie ein Filmstreifen ist, wenn man sich nur genug Zeit läßt, hinzuschauen.
Jüdischer Friedhof Weißensee Berlin, Herbert-Baum-Straße, am 9. September 1980 eingeweiht. 1940 schreibt Walter Benjamin: "Nur dem Geschichtsschreiber wohnt die Gabe bei, im Vergangenen den Funken der Hoffnung anzufachen, der davon durchdrungen ist: auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein. Auch dieser Feind hat zu siegen aufgehört."

 

Neue Durchlässigkeit. Die Wasserwege
2. Tag: 23. Juni 1990
Bootsfahrt unter den Brücken und auf den Kanälen Berlins: Bauhausarchiv, Shell-Haus, Synagoge, Oberbaumbrücke, Berliner Dom, Nikolaiviertel, Bahnhof Friedrichstraße, Reichstag und Souvenirverkauf. Weiter zur Kongreßhalle, zum Siemenssteg.

 

Wirtschaftsnomaden
3. Tag: 24. Juni 1990
Am Bahnhof Zoo und um ihn herum. Rumänen, Sinti, Roma, Polen.

 

Die Mauer. Ein Abenteuerspielplatz
4. Tag: 25. Juni 1990
Den COUNTDOWN konterkariert die "Einbahnstraße" Walter Benjamins: "Der blinde Wille, von der persönlichen Existenz eher das Prestige zu retten, als durch die souveräne Abschätzung ihrer Ohnmacht und ihrer Verstricktheit wenigstens vom Hintergrunde der allgemeinen Verblendung sie zu lösen, setzt sich fast überall durch. Darum ist die Luft so voll von Lebenstheorien und Weltanschauungen, und darum wirken sie hierzulande so anmaßend, weil sie am Ende fast stets der Sanktion irgendeiner ganz nichtssagenden Privatsituation gelten. Eben darum ist sie auch so voll von Trugbildern, Luftspiegelungen einer trotz allem über Nacht blühend hereinbrechenden kulturellen Zukunft, weil jeder auf die optischen Täuschungen seines isolierten Standpunktes sich verpflichtet."

 

Lebenszeichen
5. Tag: 26. Juni 1990
Erste öffentliche Schwulenaktion auf dem Alexanderplatz, Fahrt auf dem Todesstreifen, Sprayer an der Wollankstraße, Oberbaumbrücke, türkisches Lokal am Schlesischen Tor.

 

Der "Abschied vom Alten" und die Kinder
6. Tag: 27. Juni 1990
Autofahrt über die Dörfer: Von der Glienicker Brücke über Caputh nach Petzow, wo das Schloßgasthaus für eine geschlossene Gesellschaft reserviert ist. Diese stellt sich als die Belegschaft selbst heraus, die sich zum "Abschied vom Alten" versammelt hat. Weiter geht es nach Werder, dann nach Deetz, zu den Kindern. Mit der Fähre nach Ketzin. Es folgen Kremmen, Linum, Dechtow, Karwesee.

 

Was zählt?
7. Tag: 28. Juni 1990
Mit der Magnetbahn zum Markt am Potsdamer Platz. Der Tiergarten, Picknicks und Obdachlosenbehausungen. "Multikulturelle Vielfalt" oder neue Ghettoisierung? Armut wächst "wie Mauern als Werk von unsichtbaren Händen", schreibt Walter Benjamin. Da ist es gut, wenn man Hände sieht, sie selber zählen. In einer Gestik des Zählens, die sich noch untereinander mitteilt und von daher lebendig bleibt.

 

Das leer Schaufenster des Ostens
8. Tag: 29. Juni 1990
Warum wartet man nicht, bis die ideologische Entleerung neue Inhalte schafft? Warum läßt man sich nicht Zeit, auf Realitäten zu reagieren, wenn doch mit Ideen keine Politik mehr zu machen ist? Warum muß jedes Vakuum, das entstehen könnte, sogleich kolonisiert werden vom Altbekannten? Warum verlangsamt man nie und beschleunigt immer nur? Wenn doch die Verlangsamung ihre eigene Beschleunigung hervorbringen könnte, ohne immer schon den nächsten Schritt, die Erledigung, vorwegzunehmen?

 

Was gibt es noch?
9. Tag: 30. Juni 1990
Plaue, ein Fischerdorf

 

Währungsschlangen
10. Tag: 1. Juli 1990
"25 Milliarden Mark liegen bereit, 16 Millionen Menschen warten auf sie" (Schlagzeile)
Karl-Marx-Allee, Frankfurter Allee (früher: Stalin-Allee), Geisterbahn, Vergnügungspark, Treptow.

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